Folge 1   Vererbung und Jungtaubenkrankheit

 

 

 

 

Vererbung ist ein sehr komplexes Thema, welches auch sicherlich nicht jeden Sports-freund interessiert oder er gar keinen Sinn darin sieht sich damit zu beschäftigen. Die Jung-taubenkrankheit hingegen ist fast in aller Munde und man hört die wildesten Szenarien was sich in den betroffenen Schlägen abspielt.

 

Was hat aber nun Vererbung mit der Jungtaubenkrankheit zu tun?

 

Oft wird der Ausbruch mit Stress, welcher bei den Jungtauben mit den ersten Korbaufent-halten gekoppelt ist, als Grund angegeben. Sicherlich kann das ein Grund dafür sein, aber trotzdem bricht nicht in jedem Schlag durch diesen Umstand gleich die JTK aus. Obwohl ein großes Theater um die Krankheit gemacht wird, gibt es Schläge die gar noch nie etwas mit JTK zu tun hatten. Die gibt es wirklich! Was machen die anders?

Ich persönlich denke, dass das große Aufsehen und auch die Aufmerksamkeit die wir dieser Krankheit schenken, kontraproduktiv zur Vermeidung der Krankheit ist. Müssen wir doch davon ausgehen, dass es sich bei der JTK eigentlich gar nicht um eine spezielle Krankheit handelt, nein, es kommen mehrere Faktoren, verschiedene Erreger oder Viren zusammen, die dann das Krankheitsbild der JTK auslösen.

Immer wieder liest man im Zusammenhang mit der JTK, wie wichtig es ist das Immunsystem der Taube zu aktivieren. Was gibt es denn da für tolle Mittelchen, die keiner anwendet, aber jeder sie besser kennt, als seine Tauben. Hier fallen mir spontan verschiedene Foren ein, bei denen es darum zu gehen scheint, wer die neuesten Mittelchen kennt. Und keiner wendet sie an, aber jeder weiß, wie sie bei seinen Tauben wirken. Ich stelle mir dann immer vor, wenn nur ein Teil von den genannten Mitteln unseren Tauben verabreicht wird und das ohne Diagnose, zur Vorbeugung oder um das Immunsystem anzustoßen, dann können die armen Geschöpfe doch nur noch krank werden. Sicher ist für mich, wenn Tauben Wasser und Futter nur noch mit Arzneien oder Futterergänzungsmitteln gereicht bekommen, dann sind die ganzen Entwicklungsprozesse gestört. Jungtauben die oft viel zu früh mit diesen guten Mittelchen versorgt werden, können eigentlich gar kein Immunsystem aufbauen. Hier sollten einige unter uns mal drüber nachdenken. Vielleicht wäre es besser die Kleinen ohne die vielen Zusätze aufzuziehen, damit sich das Immunsystem auch „gesund“ entwickeln kann.

 

Arzneimittel helfen,

aber nur dann wenn sie von Tierärzten nach Diagnosestellung sachgerecht eingesetzt werden. Die selbst ernannten Tierärzte unter uns, die dann immer genau wissen, wann das „Antibiotika“ wie lange eingesetzt werden muss, sind sich bestimmt nicht darüber bewusst was für ein Schaden sie hier angerichten. Schlimmer noch, die wissen auch wo wir uns das Arzneimittel ohne Tierarzt besorgen können. Hier kann ich nur raten sich mal bewusst zu machen, welchen Schaden dadurch an Mensch und Tier angerichtet werden kann. Unabhängig davon schwächen die blinden Kuren vor Reisebeginn den Organismus unserer Tauben nur unnötig und wen wundert es, wenn dann bei den ersten Vorflügen und gemeinsamen Korbaufenthalten, das Immunsystem versagt. Das Gleiche gilt, wenn wir unsere Lieblinge mit irgendwelchen, letztendlich windigen Ergänzungsmittel vollstopfen.

 

Weniger ist mehr,

ein altes Sprichwort, welches wir uns nicht oft genug in diesem Zusammenhang in Erinnerung rufen können. Übermaß schadet mehr als es hilft. Nahrungsergänzungsmittel bringen nur dann etwas, wenn die Taube das ganze verarbeiten kann. Natürlich scheidet der Körper, z.B. Vitamine die nicht benötigt werden, wieder aus, aber das belastet doch nur unnötig den Stoffwechsel. Manche so hoch gepriesene Mittelchen entfalten bei Überdosier-ung unter  Umständen sogar toxische Wirkung. Deshalb auch bei Zusatzprodukten den Bogen nicht überspannen und mit Maß und Ziel geben, damit kann auch die nötige Hilfe erreicht werden. Ich musste feststellen, dass die Besten in unserem Sport oft viel weniger zu setzen als wir denken. Alle spekulieren immer bei Erfolg auf die geheimen Mittelchen, die den Siegern verabreicht wurden. Oft musste ich schon feststellen, dass die erfolgreichen Züchter gar nicht mehr machen als das Nötigste, wie z.B. hochwertiges Futter, sauberes Wasser, ein gutes Schlagklima und zum richtigen Zeitpunkt vielleicht eine kleine Unterstützung mit Zusätzen, wie Vitamine und Spurenelemente. Was sie sicher nicht machen ist ihre Versorgungspläne ständig mit allmöglichen Zusatzmitteln überladen und immer neu erfinden.

 

Kontinuität, Verlässlichkeit und Fingerspitzengefühl

sind meistens die Geheimnisse der Erfolgreichen. Wenn ich kontinuierlich meinen Versor-gungsplan einhalte und bei Bedarf, z.B. nach außergewöhnlich schweren Flügen, mit Fingerspitzengefühl ab und zu gebe, dann können sich meine gefiederten Freunde auf mich verlassen – das ist für mich die Verlässlichkeit – und ich bin überzeugt sie werden es mir mit Verlässlichkeit in den Preislisten danken. Nicht jede Woche oder bei irgendwelchen –vielleicht sogar gut gemeinten Ratschlägen – dürfen wir unseren Versorgungsplan auf den Kopf stellen. Fingerspitzengefühl kann man nur entwickeln, wenn man seine Tauben kennt, das heißt sie auch ständig beobachtet und daraus die richtigen Schlüsse zieht. So ist es ein leichtes bei Bedarf richtig zu reagieren. Klar in kleinen Beständen ist der Züchter sehr nahe an seinen Pfleglingen und kennt sie im Einzelnen, was sich bei großen Beständen evtl. dann schwieriger gestaltet.

 

Meine Tauben müssen zu mir passen,

das heißt auch, dass sie sich letztendlich mir anpassen müssen. Viele von uns glauben sie kaufen sich aus verschiedenen Assen ein paar Jungtauben und schon hätten sie den Erfolg mit gekauft. Wäre das so einfach, dann hätte unser Hobby schnell seinen Reiz verloren. Abstammungen fliegen nicht, das hört man oft, wenn sich die gut Betuchten unter uns über die großen Stammbäume und die Preise die dafür bezahlt werden unterhalten. Ich sehe das ein bisschen anders: Von nichts kommt nichts und aus Ackergäulen kann man keine Rennpferde machen. Persönlich lege einen großen Wert auf das Papier, denn - voraus-gesetzt es ist nach bestem Wissen und Gewissen erstellt – es zeigt mir was ich von der Taube erwarten kann. Ich habe aber auch Verständnis, wenn Züchter auf den Pedigree weniger Wert legen, trotzdem bin ich mir sicher, dass auch die von den Besten wollen und sich einfach auf das Wort des Züchters verlassen. Ich gebe zu, dass sich bei uns ein regelrechter Wahn nach Abstammungen entwickelt hat, der nicht immer förderlich für unser Hobby ist. Viele kennen die besten und neuesten Abstammungen, aber leider vergessen sie dabei, dass es wohl besser wäre seine eigenen Tauben zu beobachten und kennenzulernen. Ich muss für meine Tauben ein System, einen Versorgungsplan, ausklügeln der zu mir und meinen Tauben passt. Vielleicht kann ich bei der Anschaffung bereits einen guten Versorgungsplan mitbekommen, den ich bereit bin umzusetzen und einzuhalten. Meine Zöglinge werden sich daran gewönnen oder auch nicht. Vielleicht kann ich durch Beobachtungen oder Erfahrungen Kleinigkeiten noch nachjustieren, aber mein Ziel muss immer sein so wenig wie möglich zu verändern, da spielt die Verlässlichkeit  eine nicht unwichtige Rolle.

 

Auslese und gesetzte Zuchtziele,

tragen zu einem Weiterkommen in unserem Hobby ganz sicher mit bei, also die Taube die unter meiner Führung die von mir erwartete Leistung nicht bringt, passt eben nicht zu mir und muss gehen. Über die Auslese kann eigentlich nur der Reisekorb entscheiden, das sollte doch inzwischen jedem klar sein. Ich muss mir immer wieder Ziele in meiner Zucht setzen, die auch umsetzbar und erreichbar sind. Dazu muss ich meine Tauben aber einschätzen können, das heißt ihre Stärken und Schwächen bereits kennen. Oft hilft es auch sich über einzelne Tauben Notizen zu machen, nicht nur was sie geflogen haben, auch wie sie manche Merkmale vererben, wie sie sich verhalten oder gar ob sie krankheitsanfällig sind. Meister fallen nicht vom Himmel und manchmal dauert es eben seine Zeit bis man die richtige Mannschaft in Zucht und Reise zusammen hat. Ständig neu anzufangen halte ich für die schlechteste Lösung.

 

Vererbung ist nicht nur was man sieht,

nein, da gehört ein bisschen mehr dazu. In der Erbmasse sind auch Dinge verankert wie Robustheit, Gesundheit, Anfälligkeit oder schwache Immunität um nur mal ein paar Beispiele aufzuzeigen. Und jetzt kommen wir auch der Ausgangsfrage näher: Was hat Vererbung mit der Jungtaubenkrankheit zu tun? Ich sage es muss unser aller Ziel sein robuste, gesunde und widerstandsfähige Tauben zu züchten, die auf 200 – 600 km ihre Leistung abrufen können. Hier vertrete die These, dass durch Auslese die Erbmasse soweit verändert und unsere Tauben wieder bestimmten Krankheitsfaktoren durch ein intaktes Immunsystem standhalten können. Ich bin der Auffassung, dass die Jungtaubenkrankheit mit all Ihrem Fassetten teils hausgemachte Schwierigkeiten sind. Vieles habe ich ja im Vorspann schon versucht darzustellen und will daher nochmal die für mich wichtigsten aufzählen.

  1. Medikamente gehören in die Hände der Tierärzte und sollen auch nur bei entsprechenden Diagnosen angewendet werden. Blinde Kuren belasten eher den Organismus als das sie helfen.
  2. Nahrungsergänzungsmittel nur wenn ich mir einen Zusatznutzen erwarte. Viel hilft viel ist ganz sicher der falsche Ansatz und auf Dauer schadet es mehr als es hilft.
  3. Verlässlichkeit ist für mich, wenn ich meine Tauben regelmäßig mit einem gut ausgewogenen Futterplan versorge und diesen nicht ständig verändere.
  4. Die Tauben müssen zu mir passen und im Zweifelsfall sich mir und meinem Schlag anpassen.
  5. Wenn ich überzeugt bin, dass meine Schlagführung im Großen und Ganzen passt, dann muss ich durch strenge Auslese mich von den Tieren trennen, die bei mir ihre Leistung nicht abrufen können. Ständiges Beobachten und auch Tipps von erfolgreichen Züchtern, denen ich auch vertraue, können eine große Hilfe sein.

Ich muss nicht alle Erbgänge die es gibt in der Theorie beherrschen um Einfluss  auf die Vererbung meiner Schützlinge zunehmen. Eine strenge Auslese ist sicherlich der beste Weg zum Erfolg. Dazu muss ich meine Tiere aber beobachten und kennenlernen, am besten noch Notizen machen. Ich will es mal in der Praxis darstellen: Wenn die JTK ausbricht erkranken nicht alle auf einmal und es gibt auch welche die gar nicht erkranken. Ich muss wissen welche dem Infektionsdruck standgehalten haben und welche gleich bei den ersten Anzeichen übel erkrankt waren. Nun muss ich auch solche Notizen bei der Auslese mit berücksichtigen, umso unter Umständen meinen Bestand auf Dauer zu stärken. Ich muss wissen, sind es vielleicht immer wieder die Tauben aus einem bestimmten Paar die sehr anfällig sind. Solche Tauben können natürlich bei günstigen Flugverhältnissen auch gute Leistung bringen, sind sie aber dann, wenn es mal schwieriger wird, gleich weg. Diesen Dingen muss ich mein Augenmerk schenken und je nachdem welche Ziele ich mir gesteckt habe entsprechend selektieren. Damit kann ich schon sehr viel Einfluss auf die Vererbung nehmen.

Will noch ein Beispiel von einer anderen Tierart vorbringen: Vor mehreren Jahren hatten die Kaninchenzüchter oft Schwierigkeiten mit dem Schnupfen bei ihren Tieren. Meistens ist er auch aufgetreten, wenn die Tiere einem gewissen Stress, wie Ausstellung und Aufzucht, ausgesetzt waren und mit ein paar Medikamenten oder auch Impfungen hat man die Erkrankung vermeintlich schnell wieder in den Griff. Spätestens bei den nächsten stressigen Situationen war er wieder da. Natürlich waren es meistens auch noch die schönsten Tiere und man hat sie ja in der Zucht gebraucht. Sie wurden auch munter vermehrt und sie brachten auch sehr schöne Nachzucht nur mit dem Handicap, Stress konnten sie nicht aushalten ohne gleich wieder die Schnupfensymptome  zu zeigen. In manchen Zuchten hat sich dies richtig festgesetzt. Es gibt sicherlich heute noch Züchter – sind das Züchter? – die in ihren Stämmen mit dieser Problematik zu tun haben und mit der chemischen Keule dagegen ankämpfen und einfach weitermachen.  Aber es gab auch in meinen Augen die echten Züchter, die züchterisch diesem Problem zu Leibe rückten. Diese waren sich sicher, dass das beste Medikament in diesem Fall, der „Solinger Stahl“ ist. Natürlich gibt es immer noch den Kaninchenschnupfen, aber nicht mehr in diesem Ausmaß und viele Züchter haben erkannt, dass man dieses Problem züchterisch und mit einer entsprechenden Auslese angehen muss.

Bestimmt kann man dieses Bespiel nicht 1 zu 1 für uns Taubenzüchter übernehmen, aber die Quintessenz ist die gleiche: Es wird immer Sportsfreunde geben die dem Problem mit der chemischen Keule begegnen und es gibt die Züchter, welche es züchterisch versuchen zu lösen. Und glaubt mir, es gibt sie wirklich diese Bestände, die dem Infektionsdruck standhalten können und nicht gleich beim ersten Windzug einknicken. Wie bereits im Vorfeld angesprochen, diese Züchter sind es, die es sehr oft schaffen sich bei den Meistern zu platzieren.

 

 Es ist an der Zeit nachzudenken oder gar umzudenken!!!